Einst Geheimtip - Bald wieder
Thüringer Allgemeine 10.02.1991
Wer im alten Weimar seine Gäste mit Delikatessen vom Feinsten verwöhnen wollte, der war beim "Großherzoglich S. Hoflieferant, der Delikateß- und Weinhandlung en gros und en detail, Hermann Sommer" in der damaligen Luisenstraße 2 (jetzt Humboldtstraße) an der richtigen Adresse. Hermann Sommer lieferte das Büfett, an dem sich am 10.5.1926 der uralte Reichspräsident P. v. Hindenburg und seine Gäste im Schloß labten (Gänseleber in Madeira-Aspik, Weser-Salm in Mayonnaise, Prager Schinken in Cumberland-Soße und und und). Für die Bühnenbälle im Nationaltheater beschafften die Sommers gehobene Gaumenfreuden ebenso wie für die Besucher der Gartenbauaustellung 1928 in Belvedere. Vor rund 30 Jahren war die kulinarisch-gastronomische Tradition, die von Hermann Sommer (Hermann I.) im Jahr 1868 begründet worden war, zu Ende gegangen. Der Laden wurde 1958 an die HO verpachtet, die benachbarte Weinstube schloß Anfang der 60er Jahre. Der letzte Inhaber Hermann IV. Sommer, Urenkel des Firmengründers, arbeitete fortan in einer anderen HO als Verkaufsstellenleiter, Frau Ingeborg war im Bibliothekswesen tätig und vermietete an Touristen, um das Haus erhalten zu können. Beider Sohn, Hermann V. (an der Kontinuität des Vornamens wurde nicht gerüttelt) möchte das Familienunternehmen in Gestalt einer Grillbar und eines kleinen Weinrestaurants wiederbeleben.
Die Weinstube war in ihren guten Jahren ein Geheimtip unter Weimars Theaterleuten, unter bildenden Künstlern (Alfred Ahner z. B., der Hermann IV. "Hermännel" nennen durfte) und Musikern (Rudolf Kempe). Hier verkehrten die Freimaurer der Loge "Amalia" und die "Schlaraffen" des gleichnamigen Vereins. Arno Schmidt kreuzte hier ebenfalls auf.
"Hermann V.", den wir beim Renovieren seiner Wohnung antrafen, wird noch alle Hände voll zu tun haben, ehe er an die Familientradition anknüpfen kann. Der Start scheint, Gewerbefreiheit hin, Gewerbefreiheit her, nicht einfach zu sein. Der Umwelt zuliebe möchte H. Sommer eine Gasheizung einbauen. Förderkredite werden aber nur für die Innenstadt gewährt, und die ist in der Steubenstraße zu Ende, wenige Meter vom Sommerschen Haus entfernt. "Sie mit Ihrem bißchen Rauch, das macht auch nichts mehr aus", eröffnete man Hermann Sommer jun. bei der für Stadtsanierung zuständigen Behörde.