Weimar von seiner gastlichen Seite: Sommer's Weinstuben - Wo heute Hermann Sommer herrscht

Weimar Kultur Journal Heft 1993

Noch einen Hermann wird es in der sechsten Generation als Gastwirt in Sommer's Weinstuben nicht geben. Denn das Söhnchen der heutigen Wirtsleute heißt Peter und ist erst acht Jahre alt. Weder zu dessen Geburt - und schon gar nicht bei der heute 14jährigen Tochter Claudia - konnten es die Eltern ahnen, daß mit dem politischen Umbruch so schnell zu rechnen war und aus der HO-Verkaufsstelle in der Humboldtstraße 2 wieder die traditionsreichen Sommerschen Weinstuben werden könnten. Zur Tradition der alteingesessenen Weimarer Familie gehört, daß jeder Erstgeborene den schönen teutonischen Namen Hermann erhielt.

Jetzt, mit einem totalen Neu- vielmehr Wiederbeginn, ist Hermann V. am "Ruder". So schwer wie sein Ur-Ur-Großvater anno 1886 hatte es der heutige Hermann nicht. Aber anders schwer. Denn als gelernter Maschinenbau-Ingenieur sprang er sofort in das eiskalte Wasser der Marktwirtschaft. In seiner Frau Sabine hatte er eine gute Verbündete, die sich mit ihm zusammen auf die "Schulbank" setzte, um den Befähigungsnachweis als Gastwirt in Kassel zu erlangen - doch da hatten die beiden schon ihre Ausbaupläne festgelegt. Traditionell sollte sie werden, die Weinstube. So, wie es die Vorfahren auch gern gesehen hätten. Dokumente, Fotografien, Urkunden, Gegenstände, Einzelmöbel, Gemälde aus dem Familienbesitz halfen bei der Ausstattung im Detail. Hermann IV. , heute 71jährig, hatte mit seiner Frau einiges gerettet und bewahrt. Lapidar vermerkt die kurze Familienchronik auf dem Deckblatt der Speisekarte: "...die Weinstuben wurden bis zur 4. Generation unter dem Namen Hermann Sommer geführt. Aufgrund der gesellschaftlichen Gegebenheiten mußte die Tradition im Jahre 1958 unterbrochen werden." Wieviel Schmerz, Tränen, Verzweiflung sich dahinter verbargen, läßt sich nur ahnen. Die Eltern des jetzigen jungen Wirts wurden im eigenen Geschäft Angestellte der staatlichen Handelsorganisation, mußten ertragen, das Laden und Weinstube "modernisiert" wurden,daß Paneele herausgerissen, die Vertäfelung entfernt und Linoleum auf die Dielen geklebt worden war. Der halbrunde Kachelofen, an dem sich Maler wie Prof. Klemm, Prof. Huth, Alfred Ahner oder der Dirigent Hermann Abendroth, Sänger und andere Künstler den Rücken wärmten, wurde zerschlagen.

Lagerräume statt gemütlicher Gastlichkeit.

Der heutige Besucher merkt nichts davon. Er genießt mit allen Sinnen. Leichter Bohnerwachsgeruch hängt in der Luft (montags ist Bohnertag) - "es riecht sauber", erklärt so mancher, betritt er die gastliche Stätte. Das Interieur scheint unverrückbar seit hundert Jahren. An den teilweise original erhaltenen Tischen können in den vier Weinstuben rund 90 Gäste ihren Platz finden. "Das bietet sich nicht nur für Reisegruppen an, sondern auch für Familienfeiern, Abitur- und Klassentreffen", erklärt Sabine Sommer, die schon viele Gäste dieser Art bewirtete. Vom benachbarten Amalienhof kommen nicht selten Touristen herüber, zufällig Vorübergehende schauen herein, sind begeistert und bleiben "hängen". Obwohl "sommers bei Sommers nichts los ist", wie die Wirtin lachend sagt, wird doch der "Sommerhof" hinter dem Haus vor allem abends genutzt - bis 22 Uhr gesetzlich geduldet. Für 30 Gäste Platz bietet sich im luftigen Schatten eines noch jungen Ahorns, den die Wirtsleute vor fünf Jahren pflanzten. Das Pflaster im Hof ist teilweise original, wurde bei den Arbeiten wiederentdeckt. Betritt man die Weinstuben, geht es auf Entdeckungsreise. Jeder Raum hat eigenes Flair, jeder ist liebevoll mit Erinnerungsstücken aus dem Familienbesitz versehen, mit Dokumenten, Zeitzeugen.Während die "großen" Gäste auf Zeitspurensuche sind, können sich die kleinen mit Spielzeug die Zeit vertreiben, das der jüngste Sommer bereitstellte.

Doch von der "Bildungsreise in Sachen Geschichte an den Wänden" zurück zu der kulinarischen Seite bei Sommers. Man kann fast alles haben, große, schwere Gerichte, kleine Happen mit Pfiff - so wie die Toastbrötchen, die ihren Namen einem Konsul von Panama verdanken, der die leckeren Häppchen so lobte, daß er sie bei der nächsten Bestellung mit dem Namen der Köchin, Regina Harz, versah. Nun stehen sie als "Canapee Regina" auf der Speisekarte.

In den zurückliegenden Jahren haben sich Sommers auch an den "interkulturellen kulinarischen Wochen" beteiligt. Waren es zuvor südländische Gerichte, so heißt es am 24. September: "Was es vor hundert Jahren bei Sommers gab". Deftige, gesunde Hausmannskost. "Liptauer Käse auf jeden Fall", sagt Sabine Sommer. "Und daß der selbstgemacht wird, versteht sich von selbst. Doch mehr wird nicht verraten. Nur soviel: unsere Gäste fragen oft nach thüringischer Küche. Dem wollen wir künftig Rechnung tragen." Übrigens, falls Ihnen bei Sommers das Gesicht eines Gastes sehr bekannt vorkommt - grübeln sie nicht lange. Prominente, die sich fernab vom "Rummel" entspannen möchten, trifft man fast täglich. Und nicht nur "gewichtige" wie Gunter Emmerlich erst kürzlich.

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