Schauplatz Weimar: Die Wüste vor dem Fest - Ein Besuch in der Kulturhauptstadt 1999

Neue Zürcher Zeitung vom 20.03.1998

Wie immer entdeckt die Werbung den Zeitgeist am unverstelltesten. Das Traditionshaus "Sommer's", eine Weinstube mit Restaurant, gibt seiner Speisekarte eine Familien- und Geschäftschronik bei. Wir lesen vom Wollhändler Carl Friedrich Linsenbart, der 1868 für seine drei Töchter ein Ensemble von drei modernen Häusern erbauen ließ. Das mittlere, bald ein Delikatessengeschäft mit Weinstube und Handel, erhielt 1898 das Prädikat "Großherzoglich Sächsischer Hoflieferant". Franz Liszt verkehrte hier wie Max Reger, Weimarer Professoren und Künstler; es war das Stammlokal des Nationaltheaters und Ort der Einkehr für die Herren der "Loge Anna Amalia". Und um die Jahrhundertwende werden in den dunklen holzvertäfelten Stuben auch Nietzsche-Pilger getrunken haben. Die Silberblick-Villa, Wohn- und Sterbehaus des kranken Philosophen, Archiv und Teesalon der rührigen Schwester, befindet sich, einige Minuten Gehzeit hinauf, auf derselben Straßenseite.

Die Sommersche Stadtküche belieferte Bühnenbälle und kochte für Schlossempfänge. Am 10. Mai 1926 wurde Reichspräsident Hindenburg bewirtet. Die Chronik blickt auf vier Generationen Sommersches Wein- und Delikatessen-Management zurück. Gegen Ende wird sie blasser: "Auf Grund der gesellschaftlichen Gegebenheiten mußte die Tradition im Jahre 1958 unterbrochen werden." Als der lockige Jüngling die Wurstsuppe Soljanka mit Paprika und Zitronenscheiben serviert, gibt er seltsam verschämt Auskunft über die "gesellschaftlichen Gegebenheiten". Im Sommerschen Haus Luisenstraße 2, seit DDR-Zeiten Humboldtstraße 2, war ein staatlicher Lebensmittelladen untergebracht, in dem sein Vater dann arbeitete. Nach der Wende habe er, der Sohn, die heruntergekommenen Räumlichkeiten hergerichtet und wieder rekonstruiert.

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