140 Jahre Sommer-Zeit: Hermann I. bis V. – Weimars Feinkost- und Weinhändler-Dynastie
Thüringer Landeszeitung 14.03.2008
Wäre ja gelacht, wenn nicht auch in der an Wirrnissen nicht armen Zeit der Weimarer Republik alles seinen bürokratischen Gang gegangen wäre. So gibt es selbstverständlich schriftliche Zeugnisse dafür, dass Reichspräsident Paul von Hindenburg seinen Hunger am 10. Mai 1926 mit Amuse-Gueules aus dem Feinkostgeschäft von Hermann Sommer III. bekämpft hat. Ein eigener Ausweis mit dem amtlichen Landesstempel öffnete seiner Frau Marie damals das Tor zum Stadtschloss, wo Hindenburg empfangen wurde. Sommer war dazumal das, was man heute einen Caterer nennt: Er belieferte an jenem Tag im Auftrag des Thüringischen Staatsministeriums das Schloss mit Delikatessen und richtete das Buffet aus, mit dem das Land Thüringen den Reichspräsidenten und Friedrich-Ebert-Nachfolger willkommen hieß. Es gab: Kalbsrücken, Gänseleber, Prager Schinken und Weses-Salm.
Sommer – das Unternehmen war zu der Zeit längst eine Institution in Weimar. Der Handel mit Leckerbissen florierte, nichtzuletzt, weil sich zum Fin de siècle hin der Großherzogliche Hof regelmäßig Nachschub aus den Lagern der Kaufleute Sommer liefern ließ, was der Firma nicht nur Einnahmen in Gestalt rollender Goldmark, sondern auch Ansehen in Form des Hoflieferantentitels bescherte.
1868 war es der Wollhändler Carl Friedrich Linsenbarth, der mit einer Großinvestition nicht nur das Bild der damaligen Berkaer Straße entscheidend prägte, sondern auch sein Erbe unter drei Töchtern aufteilte: Linsenbarth ließ nebeneinander drei Häuser errichten, die ersten modernen Objekte in der heutigen Humboldtstraße, was die Weimarer allem Anschein nach mindestens in nachhaltiges Staunen versetzte. Ehrfurchtsvoll sprach man von den Häusern mit den Nummern 2, 4 und 6 als der «Linsenburg».
Das erste Gebäude – die Hausnummer 2 – richtete Linsenbarth gezielt für seine Tochter Rosa ein, die den Kaufmann Hermann Sommer geheiratet hatte. Zu ebener Erde verfügte das Gebäude über ein Ladenlokal, wo Sommer sein Delikatessengeschäft mit Weinstube und –handel einrichten konnte.
Mit seinem Angebot war Sommer gern gesehen, auch und vor allem in den prominenten Häusern der Stadt. Er lieferte an Max Reger, versorgte Franz Liszt allmonatlich mit 25 Flaschen Sekt aus der Kelterei Kessler & Co. Esslingen und hieß in seiner Weinstube nahezu alles willkommen, was Rang und Namen hatte in Weimar. Fotografien geben bis heute Zeugnis davon, wer im Laufe der letzten 140 Jahre ein- und ausging bei Sommers. Insbesondere von Liszt ist überliefert, dass er «den jungen Damen und seinen Schülerinnen immer sehr hold» gewesen sei und jene desöfteren mit Sekt aus dem Hause Sommer erfreute, «um eine feuchtfröhliche Stimmung herbeizuführen». Zur Gartenbauaustellung 1928 ließ Hermann Sommer draußen auf dem Belvedere ein stabiles Zelt als Wein- und Kaffeehaus errichten. Er betrieb aber auch die Stadtküche, und gelegentlich der Bühnenbälle am Nationaltheater belieferte Sommer auch selbiges.
Sommers Einkäufe seien zumeist durch die Hände des ehemaligen Kammerdieners Spiritan Knesewitz gegangen, berichtete Hermann Eismann, ein altgedienter Mitarbeiter des Hauses Sommer, der dem Unternehmen im Mai 1938 zu seinem 70. Geburtstag gratulierte. Knesewitz seinerseits hat sich später selbständig gemacht und ein Zigarrengeschäft in der Wielandstraße eröffnet.
Beinahe alle Sommers, die seit 1868 mit Wein und Delikatessen handelten, hießen mit Vornamen Hermann, unterschieden lediglich durch Namenszusatz I, II, III et cetera. Wer die Tradition unterbrechen musste, war Hermann IV., der, resigniert durch den gesellschaftlichen Druck, seine Weinstube 1958 räumte, der HO überließ und mit ansehen musste, wie der Staat mit Sommers Erbe auf seine Weise verfuhr: Holzverkleidungen, Kachelöfen wurden entfernt, die Räume zu Lagern umfunktioniert, der Name «Sommer's» wich der nüchternen Bezeichnung «HO Wein-Probierstube». Dem vormaligen Besitzer blieb nur der Fischverarbeitungsbetrieb im Hinterhof.
Seinem Sohn, Hermann V., waren die politischen Geschicke hold: Der studierte Maschinenbauer führte die Wirtschaft nach der Wende zurück in den Familienbesitz, dachte kurz darüber nach, in der Humboldtstraße 2 Fastfood-Gastronomie zu betreiben, besann sich aber schließlich eines Besseren und betreibt heute die Weinstube so wie es alle Sommers vor ihm taten.